Spannungsrissbeständigkeit

Definition

Die Spannungsrissbeständigkeit (englisch: Environmental Stress Cracking Resistance, ESCR) beschreibt die Widerstandsfähigkeit eines Kunststoffs gegen Rissbildung unter dem kombinierten Einfluss von mechanischer Spannung und chemisch aggressiven Medien.

Kernaussage: Spannungsrisskorrosion ist eine der häufigsten Versagensursachen bei Kunststoffbauteilen - sie tritt oft unerwartet auf, da weder die mechanische Belastung noch das Medium allein zu Schäden führen würden.

Normen und Standards

NormAnwendungsbereich
DIN EN ISO 22088Kunststoffe - Beständigkeit gegen Spannungsrissbildung (ESC)
DIN EN ISO 16770PE-Rohre - FNCT (Full Notch Creep Test)
DIN EN ISO 4599Kunststoffe - Biegestreifenverfahren
ASTM D1693Spannungsrissbildung bei Ethylenkunststoffen

Mechanismus der Spannungsrissbildung

Ablauf der Schädigung

  • Phase 1: Medium dringt in oberflächennahe Bereiche ein
  • Phase 2: Lokale Erweichung durch Quellung
  • Phase 3: Bildung von Mikrorissen (Crazes)
  • Phase 4: Wachstum zu makroskopischen Rissen
  • Phase 5: Spröder Bruch
Achtung: Spannungsrisse treten typischerweise an Stellen mit Eigenspannungen auf - Schweißnähte, Anspritzpunkte und scharfe Kanten sind besonders gefährdet.

Prüfverfahren

Biegestreifenverfahren (ISO 4599)

  • Prinzip: Gebogene Probe in aggressivem Medium
  • Randfaserdehnung: 0,5% bis 2,5%
  • Bewertung: Zeit bis zur Rissbildung

FNCT-Test (Full Notch Creep Test)

  • Anwendung: PE-Rohrmaterialien
  • Prinzip: Gekerbte Probe unter Zuglast in Tensidlösung
  • Temperatur: Typisch 80°C oder 95°C

Empfindliche Kunststoffe

KunststoffKritische MedienBeständigkeit
PS, SANAlkohole, Ester, KetoneSehr empfindlich
ABSAlkohole, AromatenEmpfindlich
PCAlkohole, AlkalienEmpfindlich
PE-HDTenside, ÖleMäßig empfindlich
PPTenside, OxidationsmittelMäßig beständig
POMStarke SäurenGut beständig

Gegenmaßnahmen

  • Werkstoffauswahl: ESCR-optimierte Typen (z.B. PE 100-RC)
  • Konstruktion: Scharfe Kanten vermeiden
  • Verarbeitung: Eigenspannungen minimieren (Tempern)
  • Oberflächenschutz: Beschichtungen als Barriere